Das Forschungsprogramm soll multimorbiditätsbezogene Herausforderungen einer alternden Gesellschaft thematisieren und eine enge Verzahnung zu bestehenden Forschungsbezügen an der Charité und darüber hinaus gewährleisten. Hierfür bietet die Anbindung des Kollegs an den vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Berliner Verbund „Autonomie trotz Multimorbidität im Alter (AMA)“ (www.ama-consortium.de) hervorragende Voraussetzungen:
Der Berliner Forschungsverbund „AMA“ will
einen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation alter, mehrfach erkrankter
Menschen leisten. Er hat erstens das Ziel, Ressourcen zu identifizieren,
die die Autonomie im Alter angesichts von Multimorbidität stärken.
Ausgangspunkt ist die Annahme, dass für die Aufrechterhaltung von
Autonomie sowohl medizinische, pharmakologische, pflegerische und institutionelle
als auch soziale, räumliche und technische sowie vor allem personale
und sozio-ökonomische Ressourcen von Bedeutung sind. Der Verbund verfolgt
zweitens das Ziel, methodische Voraussetzungen für eine standardisierte
Erfassung von Multimorbidität und Autonomie im Alter zu entwickeln.
Dies umfasst sowohl die Anpassung von Erhebungsinstrumenten als auch die
Erprobung von Zugängen zu schwer erreichbaren Teilgruppen der Alterspopulation.
Der Berliner Forschungsverbund integriert
die Arbeit von national und international ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen aus Universitäten,
Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen.
Eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Praxiseinrichtungen (Kliniken,
ambulanten und stationären Pflegeanbietern etc.) ist Bestandteil der
Verbundarbeit.
Das u.a. in den beschriebenen Zusammenhängen eingebettete Forschungsprogramm des Kollegs sieht die Bearbeitung von Dissertationen aus drei Perspektiven mit folgenden Themenschwerpunkten vor:
I. Klinische Perspektive: Diese Perspektive umfasst Fragestellungen zu Interventionsmöglichkeiten und –ansätzen verschiedener Gesundheitsberufe. Sie soll auf drei multimorbiditätsbegleitende Phänomene bei alten Frauen und Männern bezogen werden und bietet damit zahlreiche Anknüpfungspunkte gerade für nicht-ärztliche Gesundheitsberufe, wie beispielsweise Physiotherapeuten.
Thematische Schwerpunkte sind:
• Schmerz und Bewegung:
Schmerzen stehen oft in direktem Zusammenhang mit der Beweglichkeit, Bewegung und Aktivität alter Menschen. Neben bisher nicht ausreichend entwickelten Assessmentverfahren sind bei Jüngeren bewährte nicht-medikamentöse Ansätze und ihre Integration ins soziale und institutionelle Umfeld sowie die Auswirkungen von Schmerzen auf die Lebensführung und den Verlauf anderer Erkrankungen (Depression, Delir, Demenz) bei alten Menschen bisher nicht ausreichend erforscht.
• Ernährung / Mangelernährung:
Nicht nur im institutionellen Kontext sind alte Menschen von Problemen bei der Ernährung und Nahrungsaufnahme betroffen. Das Ursachen- und Wirkungsspektrum umfasst dabei z.B. Sinnesdeprivation, Defizite am Kau- und Schluckapparat (z.B. aufgrund eines Schlaganfalls), reduzierte soziale Einbindung, Auswirkungen von Tumor- und Demenzerkrankungen sowie eine unangepasste Speisenversorgung im Rahmen defizitärer Versorgungssituationen.
• Schlaf / Schlafstörungen:
Schlafstörungen sind einerseits Ursache,
andererseits Ergebnis vielfältiger gesundheitlicher Probleme, besonders
im Alter. Dazu zählen z.B. vorübergehende oder dauerhafte kognitive
Einschränkungen, Bewegungs- und Aktivitätsmangel, Sturzereignisse,
Schmerzen und Auswirkungen von vorübergehender oder dauerhafter Institutionalisierung.
II. Versorgungsperspektive: Diese Perspektive umfasst Fragestellungen zur geeigneten Krankheitsversorgung bei Multimorbidität sowie zu Professionsentwicklungen im Gesundheitssystem, beispielsweise im Hinblick auf neue Rollen für nicht-ärztliche Gesundheitsberufe und die intersektorale Zusammenarbeit.
III. Nutzer-/Betroffenenperspektive:
Diese Perspektive umfasst insbesondere Fragestellungen zu Nutzerpräferenzen
und Nutzerverhalten, beispielsweise zum Verhältnis von medizinisch
und technisch Möglichem und den Wünschen der Betroffenen.
Sowohl die Versorgungsperspektive als auch
die Nutzer-/Betroffenenperspektive sollen die drei genannten thematischen
Schwerpunkte der klinischen Perspektive aufgreifen, bleiben jedoch auch
für die Bearbeitung von Dissertationen zu anderen multimorbiditätsbegleitenden
Phänomenen offen.
Die genannten Perspektiven und Themenschwerpunkte zeichnen sich dadurch aus, dass Sie mit häufigen Erkrankungen und physiologischen sowie sozialen Veränderungen im Alter in vielfältigen Wechselbeziehungen stehen. In der Regel ist eine Zuordnung zu nur einem ursächlichen Faktor nicht möglich. Die jeweilige Situation der Betroffenen wirkt sich auf gesundheitliche und soziale Probleme oft nicht nur additiv, sondern potenzierend aus.
Eine erfolgreiche Bearbeitung der Themenschwerpunkte im Sinne der Betroffenen ist nur im Zusammenwirken unterschiedlicher Berufsgruppen möglich. Derzeit liegen häufig noch keine ausreichenden Erkenntnisse zu den optimalen Versorgungsstrukturen, zu angemessenen nicht-medikamentösen Interventionen und zu den Präferenzen der Betroffenen vor. Im Rahmen des Kollegs soll ein Beitrag geleistet werden, diese Forschungslücken zu schließen.
Die konzeptionell sehr breite Ausrichtung des Kollegs wird im Prozess der Ausschreibung der konkreten Dissertationsthemen spezifiziert durch:
• die Festlegung von Datenbasis und Praxiskooperationspartnern
• die Einbindung in bestehende Projekte
(z.B. im Berliner Forschungsverbund „AMA“)
• die Übernahme eines Betreuervertrages
• die Präferenzen von Stipendiengebern